Dienstag, 21. September 2010

Stiftung darf nicht länger schweigen

Sächsische Zeitung
Freitag, 17. September 2010

AUF EIN WORT

Irmela Hennig zur Entlassung des Intendanten des National-Ensembles

Wolfgang Rogner, bis vor kurzem Geschäftsführer und Intendant des Sorbischen National-Ensembles, wurde fristlos entlassen. Das ist kein Pappenstiel. Es muss für diesen Schritt schwerwiegende Gründe geben. Sonst erscheint er nicht nur fragwürdig, sondern ist auch rechtlich angreifbar.

Bislang hat die Stiftung für das Sorbische Volk - sie hat die Entlassung ausgesprochen - diese Gründe nicht genannt. Doch sie müssen auf den Tisch. Anderenfalls wird der Ruf eines anerkannten Dirigenten und einer Lausitzer Identifikationsfigur übel beschädigt - durch Spekulationen und vage Vermutungen.

Wolfgang Rogner war umstritten. Gerade die rege Reisetätigkeit des National-Ensembles hat manchen Sorben nicht gefallen. Doch das reicht als Entlassungsgrund genauso wenig aus wie künstlerische Unstimmigkeiten. Hat sich der ehemalige Intendant allerdings etwas zu Schulden kommen lassen, das schwer wiegt, muss auch das offen gesagt werden. Schließlich fließen viele Steuermillionen in das Ensemble und die Steuerzahler haben das Recht zu erfahren, wenn damit falsch umgegangen wird.

Donnerstag, 16. September 2010

"Wir haben sechs Monate umsonst gearbeitet"

Sächsische Zeitung
Donnerstag, 16. September 2010


Bautzen. Verleger Frank Stübner verlässt die Arbeitsgruppe für sorbische Medien. Aus seiner Sicht haben die Ideen der Fachleute keine Chance.

Die sorbischen Einrichtungen sollen reformiert werden. Dazu hat die Stiftung für das sorbische Volk Arbeitsgruppen gegründet - auch für die sorbischen Medien. Doch das Verhältnis ist gespannt. Nach der Vorsitzenden Anne Holzschuh, legt nun auch Lusatia-Verleger Frank Stübner die Arbeit nieder.

Herr Stübner, warum haben Sie die Arbeitsgruppe verlassen?

Ich bin zu der Erkenntnis gelangt, dass unsere Vorschläge kaum zum Zuge kommen werden. Die Stiftungsverwaltung und die AG Bühne setzen ihr Konzept der Kultur-GmbH durch, die mehrere Einrichtungen unter einem Dach zusammenfassen soll. Das lässt sich wohl nicht mehr aufhalten.

Welchen Vorschlag hatte denn die Arbeitsgruppe Medien für die Zukunft von Domowina-Verlag und Sorbischer Zeitung?

Wir haben ein Konzept für ein Medienhaus entwickelt, das sorbische Medien wie den Buchverlag, Zeitungen, Zeitschriften und audiovisuelle Medien zusammenführt und dabei das Potential der Sparten berücksichtigt. Natürlich soll die Entwicklung auch hin zu neuen Medien gehen - Internet, E-Book, die Vernetzung der Einrichtungen untereinander. Wir haben sechs Monate intensiv gearbeitet, uns informiert, wie man anderswo mit neuen Medien umgeht - aber letztlich war diese Arbeit umsonst.

Hat sich dieses Ergebnis von Anfang an angedeutet?

Ich war zunächst skeptisch, als man mich um die Mitarbeit in der Arbeitsgruppe bat. Ich hatte so etwas vor zehn Jahren schon einmal mitgemacht. Damals ging es zum Beispiel darum, ob es sinnvoll sei, die Schulbuchproduktion im Domowina-Verlag zu belassen oder sie an das Witaj-Zentrum anzubinden. Am Ende setzte sich die Stiftung gegen den Willen der Praktiker durch. Trotz der Erfahrung damals habe ich mich dann doch entschieden, wieder mitzumachen, denn man hatte uns Autonomie zugesichert. Letztendlich hat sich mein Eindruck verstärkt, dass unsere Arbeitsgruppe nur Alibifunktion hat.

Wie soll die Kultur GmbH aussehen, die wohl kommen wird?

Sie soll nach Vorstellungen der Arbeitsgruppe Kunst/Bühne das Sorbische National-Ensemble, den Domowina-Verlag und das Witaj-Sprachzentrum zusammenfassen. Was unsinnig ist, da es sich um völlig verschiedene Sparten handelt. Angebliche Vorteile werden bisher nur postuliert, ohne sie mit konkreten Berechnungen zu untersetzen.

Wie sieht denn die Rolle der sorbischen Zeitung "Serbske Nowiny" bei all dem aus?

Die wird, wie die anderen journalistischen Medien, außen vor gelassen. Das verstehe ich wiederum nicht, weil eine Verbindung von Verlag und Zeitung gerade im Zeitalter moderner Medien ja sehr sinnvoll ist. Stattdessen soll eine weitere Firma gegründet werden.

Gespräch: Irmela Hennig

Hausverbot für Intendanten

Sächsische Zeitung
Donnerstag, 16. September 2010

Die Stiftung für das sorbische Volk hat Wolfgang Rögner als Ensemble-Chef entlassen.

Bautzen. Wolfgang Rögner darf seine alte Wirkungsstätte, das Sorbische National-Ensemble Bautzen (SNE), nicht mehr betreten. Es wurde ein Hausverbot ausgesprochen. Das sagte Marko Suchy, Direktor der Stiftung für das sorbische Volk. Sie ist Gesellschafter des Ensembles und wichtigster Geldgeber. Suchy bestätigte auch, dass Wolfgang Rögner als Intendant fristlos gekündigt wurde, gab aber keine näheren Gründe an.

Wolfgang Rögner war schon im Mai als Geschäftsführer des SNE entlassen und als Intendant beurlaubt worden. Er hatte angekündigt, das Spar- und Entlassungskonzept für das Musiktheater nicht mitzutragen. Gegenüber der Sorbischen Zeitung kündigte Wolfgang Rögner rechtliche Schritte gegen die fristlose Kündigung an. Ob und wie Abfindungszahlungen geleistet werden müssen, werden die Gerichte klären, so Marko Suchy. Grundsätzlich hat Wolfgang Rögner Ansprach darauf, denn sein Intendantenvertrag läuft bis ins Jahr 2012.

Mit der Entlassung sei auch die Dirigierverpflichtung Rögners hinfällig. Er hatte zuletzt unter anderm beim Musikfest in Schmochtitz mitgewirkt. Es gebe nun interne Vertretungen. Einen Auftritt habe beispielsweise der Ehemann der jetzigen Intendantin und Geschäftsführerin Milena Vettraino übernommen. (ihg)

Feste Familienbande

Mittwoch, 28. Juli 2010

Schluss mit dem Unfug!

Offener Brief an die Stiftung für das sorbische Volk

Es genügt nicht, die jetzt auch der Allgemeinheit (siehe „Sächsische Zeitung" vom 26. Juli 2010) bekannt gewordenen neuerlichen Fusionspläne der „Stiftung für das sorbische Volk" als fachlich indiskutabel, ja lächerlich abzutun.

Wer ernstlich erwägt und plant, inhaltlich-strukturell unvereinbare Institutionen wie das Sorbische National-Ensemble, den Domowina-Verlag und das Witaj-Sprachzentrum in einer GmbH zusammenzufassen und sich gleich noch als Geschäftsführer dieses Konstrukts ins Gespräch bringt, gehört energisch in die Schranken gewiesen, wenn schon nicht seines Postens enthoben, auf dem er seit Jahren ähnlichen Unsinn verzapft und Zeit und Kräfte mit fruchtlosen, unruhestiftenden Debatten vergeudet.

Ganz andere finanzielle Einsparungs-Dringlichkeiten stehen ins Haus: dass nämlich diese Stiftung, die beim Jonglieren mit Steuergelder-Millionen anscheinend übergeschnappt ist, in ihrer jetzigen Struktur abgeschafft gehört. Es genügt völlig, wenn über die Gelder der Stiftung drei buchhalterische Angestellte als Vertreter des Bundes sowie der Länder Sachsen und Brandenburg in Abstimmung mit der Domowina als legitimierter Vertreterin des sorbischen Volkes entscheiden, ohne sich inhaltliche Zuständigkeiten anzumaßen, die sie gar nicht haben können. Unabhängig vom Ergebnis dieser Protestresolution erklären die unterzeichnenden sorbischen Kulturschaffenden, dass sie der geplanten GmbH jegliche Zustimmung nachdrücklich verweigern werden.

Kito Lorenc Bautzen, den 26. Juli 2010

Zu den Erstinterzeichnern dieser Protestresolution gehören u.a.: Meto Benad, Iris Brankatschk, Janina Brankatschk, Liane Bertók, Isa Brützke, Benno Budar, Ludmila Budarjowa, Marian Bulang, Jan Cyz-Ziesch, Róza Domascyna, Benedikt Dyrlicti, Prof. Dr. Helmut Fasske, Dr. Helmut Jentsch, Detlef Kobjela, Jufij Koch, Michar Lorenc, Juro Metsk, Alfred Meskank, Ulrich Pogoda, Prof. Dr. Christian Prunitsch, Janka Rögnerowa, Dr. Hync Rychtar, Angela Stachowa, Dr. Ruth Thiemann, Dr. Martin Walde, Alfons Wicaz-Lehmann und Wórsa Wicazowa.

Sorben fordern Ablösung des Stiftungs-Chefs

Sächsische Zeitung
Mittwoch, 28 Juli 2010

Bautzen. 30 sorbische Künstler und Wissenschaftler haben in einem offenen Brief die Ablösung des Geschäftsführers der Stiftung für das Sorbische Volk, Marko Suchy, gefordert. Anlass sind die Pläne zur Gründung einer Kultur-GmbH, die das Sorbische National-Ensemble, den Domowina-Verlag und das Witaj-Spachzentrum vereinen soll.

Diese inhaltlich-strukturell unvereinbaren Institutionen zusammenzufassen, sei fachlich indiskutabel, ja lächerlich, heißt es in dem Schreiben. Wer solches plane und sich auch noch als Geschäftsführer dieses Konstrukts ins Gespräch bringe, der gehöre seines Postens enthoben, "auf dem er seit Jahren ähnlichen Unsinn verzapft."

Notwendig sei eine Reform der Stiftung. Diese maße sich Kompetenzen an, die sie nicht habe. (SZ)

Warum der Streit bei den Sorben eskaliert

Sächsische Zeitung
Mittwoch, 28 Juli 2010

Namhafte Künstler üben scharfe Kritik am Aufbau einer Kultur GmbH und den massiven Einsparungen.

Von Irmela Hennig

Marko Suchy, der Direktor der Stiftung für das sorbische Volk, gehört seines Postens enthoben. So steht es in einem offenen Brief an die Stiftung für das sorbische Volk, der der Sächsischen Zeitung vorliegt. Unterzeichnet haben ihn unter anderem namhafte sorbische Künstler wie der Schriftsteller Kito Lorenc und der sorbische Komponist Detlef Kobjela.

WORUM GEHT ES IM BRIEF?

Die Verfasser empört zum einen der Umgang mit sorbischen Einrichtungen, die in großem Stil umgebaut werden. Kritisiert wird vor allem die Stiftung für das Sorbische Volk. Sie verteilt Fördermittel von Sachsen, Brandenburg und dem Bund an sorbische Einrichtungen und ist Gesellschafter des Sorbischen National-Ensembles Bautzen (SNE) und des Domowina Verlags. Sie fällt die Richtungsentscheidungen. So auch diese; Man will eine Kultur GmbH gründen, die mehrere sorbische Einrichtungen unter einem Dach zusammenfasst. Gemeint sind das Sorbische National-Ensemble Bautzen, der Domowina-Verlager, aber auch das Witaj-Sprachzentrum zur Sprachförderung sowie die Sorbische Kulturinformation Bautzen. Diese Plänewerden in dem Brief ebenfalls scharf kritisiert.

WIE KONKRET SIND DIE PLÄNE?

Nach den Unterlagen einer Sondersitzung des Stiftungsrates, er ist das Entscheidungsgremium der Stiftung, vom 4. Mai 2010 sind sie sehr konkret und sogar beschlossen. "Konzentration der Kräfte" nennt die Stiftung das Vorhaben.

WAS WURDE BESCHLOSSEN?

Entschieden wurde: Das Sorbische National-Ensemble wird geschlossen und eine neue Kultur GmbH gegründet. Michaela Mosche von der Stiftung für das Sorbische Volk bestätigte gestern, dass im Mai vorsorglich der Schließung der Ensemble GmbH zugestimmt wurde. Hintergrund: Den Sorben fehlt Geld. Darum steht das SNE vor großen Entlassungen. Etwa 30 Mitarbeiter wurden oder werden gekündigt oder erhalten keinen neuen Vertrag. Hätte es dabei viele arbeitsrechtliche Probleme gegeben, hätte man das Ensemble schließen können, so Mosche. Bislang sei der Personalabbau reibungslos verlaufen. Dennoch bestätigt Michaela Mosche: "Der Beschluss steht weiterhin." Er ist auf der Internetseite der Stiftung nachzulesen. Nichts findet man darüber, dass weitere Einrichtungen in der Kultur GmbH unterkommen sollen. Das aber geht aus dem Stiftungsrats-Papier hervor. Von der Stiftung wurde dies immer als Gerücht abgetan. Allerdings wurde der SZ von einem Stiftungsratsmitglied bestätigt, dass der Gründung der Kultur GmbH mehrheitlich zugestimmt wurde.

WAS WIRD AUS DEM THEATER?

Eine Fusion mit dem Deutsch-Sorbischen Volkstheater in Bautzen wird entgültig abgelehnt. Stattdessen wird ein "engmaschiger Kooperationsvertrag" angestrebt, der dem Ensemble "die Möglichkeit gibt, in den Räumen des Theaters eine Heimspielstätte zu etablieren". Übersetzt heißt dies: das Ensemble soll dauerhaft auf der Bühne des Theaters agieren. Mit Lutz Hillmann, Intendant des Theaters, hat darüber noch niemand gesprochen. Er hält diese Idee auf SZ-Nachfrage hin für ausgeschlossen und ärgert sich maßlos darüber.

Parlament für die Sorben gebraucht

Sächsische Zeitung
Mittwoch, 28 Juli 2010

KOMMENTAR

Irmela Hennig über Gemauschel hinter den Kulissen bei den Sorben

Es geschieht momentan viel hinter den Kulissen bei den Sorben. Das ist rechtlich kaum angreifbar. Denn eine Stiftung muss ihre Karten nicht offen auf den Tisch legen. Darum fordern einige Sorben, aber auch Kulturinteressierte schon lange: Die Sorben brauchen ein Parlament. Nicht etwa einen Bundestag wie die Bundesrepublik, der über Afghanistan-Einsätze und Sozialabbau entscheidet, sondern demokratisch gewählte Vertreter, die die Zukunft sorbischer Einrichtungen in die Hand nehmen.

Dieses Parlament muss in offenen Abstimmungen Entscheidungen zur Zukunft von Einrichtungen wie dem Sorbischen National-Ensemble oder Domowina-Verlag treffen - und dabei in enger Verbindung zu vielen Sorben stehen. Eine andere Möglichkeit, die sorbische Basis in ihr eigenes Geschick einzubinden, gibt es nicht Eine Stiftung kann es nach wie vor geben, Doch sie sollte lediglich Gelder verwalten und weitergeben. Andernfalls wird an den Interessen der breiten Masse der Sorben vorbeigearbeitet.